eve&rave Münster e.V.
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Digitale Drogen

 

Andere und szenetypische Bezeichnungen:

Binaurale Beats, binaural beats, Binaurale Dosis oder Dosen, binaural doses, Brainwave Technologie, digital drugs, Hemisphären-Synchronisation, HemiSync, Hemi-Sync, i-Dosing, i-Doser, iDoser, iDozer, Ubrain, (...)

 

Mit dem Begriff "Digitale Drogen" werden Audiodateien be- zeichnet, die mittels spezieller stereophoner Frequenzen, auch binaurale Beats (binaural, lat. "mit beiden Ohren") genannt, versuchen, die Hirnströme (oder Hirnwellen bzw. Gehirnwellen) des Konsumenten, also die elektrische Akti- vität dessen Gehirns, auf eine Weise zu beeinflussen, daß sich Zustände von z.B. Entspannung, Streßabbau, Schlaf, Meditation, Selbsthypnose, Konzentration, Anregung oder Bewußtseinserweiterung einstellen. Seit einiger Zeit werden auch Audiodateien im Internet angeboten, die die Wirkung von legalen (z.B. Alkohol und Nicotin) oder ille- galisierten Rauschmitteln (z.B. LSD und Heroin) simulieren sollen. Ob durch binau- rale Beats aber tatsächlich derartig drastische Effekte ausgelöst werden können, ist wissenschaftlich höchst umstritten. Das Hören solcher Audiodateien wird auch als "i-Dosing" bezeichnet, benannt nach dem US-amerikanischen Unternehmen i-Do- ser, welches derartige Dateien im Internet anbietet.

Bei binauralen Beats handelt es sich um eine auditive Täuschung, die wahrgenom- men wird, wenn beiden Ohren Schall mit leicht unterschiedlicher Frequenz zuge- führt wird. Anders als Schwebungen entstehen binaurale Beats aber nicht durch eine Überlagerung von Schallwellen im Ohr, sondern erst im Gehirn. Man nimmt an, daß dieser Ton im Nucleus olivaris superior, einem Teil der Hörbahn im Stammhirn, der die Laufzeit- und Pegelunterschiede zwischen beiden Ohren auswertet und hier- durch an der Lokalisation von Schallquellen beteiligt ist, generiert wird. Um einen binauralen Beat wahrnehmen zu können, müssen die beiden Trägerfrequenzen für das linke und rechte Ohr unterhalb von 1500 Hz liegen und der Frequenzunter- schied darf nicht mehr als 30 Hz betragen, da sonst nur die beiden Töne der Träger- frequenzen wahrgenommen werden (Beispiel: hört man auf dem linken Ohr eine Frequenz von 440 Hz und auf dem rechten Ohr eine von 430 Hz, so wird im Nucle- us olivaris superior ein Ton mit der mittleren Frequenz von 435 Hz generiert). Ähn- lich wie bei einer Schwebung wird ein pulsierender Ton wahrgenommen, der binau- rale Beat, der in gleichmäßigen Abständen seine Lautstärke moduliert und dessen Frequenz gerade der Differenz der beiden Trägerfrequenzen entspricht (im Beispiel also 10 Hz). Ein binauraler Beat kann auch dann wahrgenommen werden, wenn die Trägerfrequenz unterhalb der menschlichen Wahrnehmbarkeitsschwelle liegt oder beide Trägerfrequenzen so leise sind, daß das menschliche Ohr sie scheinbar nicht mehr wahrnimmt, was die Hypothese stützt, daß binaurale Beats auf einem anderen Weg entstehen als jene Töne, die wir normal hören.

Binaurale Beats wurden im Jahre 1839 entdeckt, jedoch lange für eine physikali- sche Kuriosität gehalten. Erst ab 1973 wurden sie wieder verstärkt erforscht. Es wurde/wird angenommen, daß binaurale Beats eine Hemisphären-Synchronisation (Hemisphäre = linke bzw. rechte Hälfte des Groß- und Kleinhirns) auslösen können, bei der die Hirnströme der linken Hemisphäre (zuständig für Analyse, Logik, Ver- stand und Sprache) und der rechten Hemisphäre (zuständig für räumliche Orientie- rung und Kreativität) synchron schwingen, wodurch das Gehirn angeblich in einem ganzheitlichen Zustand arbeiten soll. Herz und Verstand sollen hierdurch Hand in Hand arbeiten. Allerdings existieren für diese Hypothese keinerlei wissenschaftliche Belege! Seit dieser Zeit kommen binaurale Beats aber in der Alternativmedizin, in der Esoterik, auf vielen Meditations-CDs und in Mindmachines (audiovisuelle Stimu- lationsgeräte) zur Anwendung (z.B. zur Tiefenentspannung). Da viele Menschen den Klang von puren Sinustönen als sehr unangenehm empfinden, werden die bin- auralen Beats meist in Trägergeräusche wie harmonische Kompositionen oder Na- turgeräusche eingebettet. Im Jahre 1974 entwickelte Robert Allan Monroe das Prin- zip der binauralen Beats weiter und ließ sich seine "Hemi-Sync"-Technologie (He- misphären-Synchronisation) patentieren, wobei die einzige Neuerung darin bestand, nun gezielt bestimmte Substanzen zu simulieren.

Abseits der Pseudowissenschaften gilt jedoch als wissenschaftlich gesicherte Er- kenntnis, daß binaurale Beats einen Einfluß auf die Hirnströme haben können und auch Teile des Gehirns stimulieren, die nicht unmittelbar mit dem Hören verknüpft sind. So sind in den Hirnströmen eines schlafenden Menschen andere Frequenzen enthalten als im wachen Zustand, wobei die meisten dieser Frequenzen unterhalb der Wahrnehmungsgrenze des Hörsinns von ca. 20 Hz liegen und somit nicht direkt wahrgenommen oder beeinflußt werden können. Mit Hilfe von binauralen Beats können solche Frequenzen jedoch virtuell im Gehirn erzeugt werden, indem – je nachdem welcher Bewußtseinszustand erreicht werden soll – ihm eine der fünf neu- rologisch relevanten Frequenzbereiche (Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta- oder Theta-Wellen) angeboten wird. Wie EEG-Messungen zeigten, wird das Gehirn hierdurch veranlaßt, sich der gebotenen Frequenz anzunähern. Der Prozeß der Annäherung der vorherrschenden Hirnstromfrequenz an die von außen zugeführte Frequenz wird auch "Entrainment" (engl. Mitnahme) genannt. Das Entrainment scheint hierbei effektiver zu sein, wenn die wahrgenommene Frequenz der binauralen Beats nahe der vorherrschenden Hirnstromfrequenz liegt (tagsüber rund 20 Hz) und dann z.B. für einen entspannten Zustand langsam gesenkt wird. Es konnte auch gezeigt wer- den, daß der Konsum von binauralen Beats Endorphine freisetzen kann.

Heutzutage dienen binaurale Beats in erster Linie Neurophysiologen dazu, die all- gemeinen neuronalen Vorgänge des Hörens sowie des räumliches Hörens und des gerichteten Hörens (also das gezielte Herausfiltern einer bestimmten Schallquelle aus einem Sammelsurium verschiedener Schallquellen; auch Cocktailparty-Effekt genannt) zu untersuchen.

Im deutschen Nachtleben kamen binaurale Beats erstmals Anfang der 1990er-Jah- re in Mode. Zu dieser Zeit waren auf Techno-Parties hin und wieder Räume mit Mindmachines ausgestattet, mit deren Hilfe sich die Besucher auf einem bequemen Sessel sitzend, entspannen konnten. Aber erst als der Begriff des i-Dosings im Jahr 2010 in Verbindung mit rauscherzeugenden Zuständen gebracht wurde, genoß die- se Praktik auch in den hiesigen Medien eine recht kurze aber starke Aufmerksam- keit. Und auch in den USA kam es zu kontroversen Debatten zwischen Eltern, Leh- rern und Experten, ob derartige Audiodateien, die im Internet frei verfügbar sind, Kinder süchtig machen könnten. Dies führte sogar zu einem Verbot von MP3-Play- ern an einigen US-amerikanischen Schulen. Diese überzogenen, panikartigen Re- aktionen berücksichtigten jedoch nicht, daß derartige "digitale Drogen" zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt waren und es offensichtlich kei- nerlei auffällige Suchtentwicklung gab.

 

 

Merkmale:

- Spezielle stereophone Frequenzen, die auch mit harmonischen Kompositionen

  oder Naturgeräuschen unterlegt sein können.

- Auf einigen Internetseiten als Download kostenfrei oder kostenpflichtig abrufbar.

 

 

Gebrauch:

- Binaurale Beats müssen über einen Kopfhörer gehört werden.

 

 

Wirkung:

- Digitale Drogen sollen das Gehirn angeblich je nach Frequenzmodulation/Tonfolge

  in Zustände wie z.B. Entspannung, Streßabbau, Schlaf, Meditation, Selbsthypno-

  se, Konzentration, Anregung und Bewußtseinserweiterung versetzen. Zudem wer-

  den auch Audiodateien im Internet angeboten, die die Wirkung von legalen (z.B.

  Alkohol und Nicotin) oder illegalisierten Rauschmitteln (z.B. LSD und Heroin) simu-

  lieren sollen. Derart drastische Wirkungen sind jedoch wissenschaftlich höchst um-

  stritten.

- Beim Hören kann es zu Kopfschmerzen, Unwohlsein und Übelkeit kommen.

 

 

Gefahren:

- Werden binaurale Beats zu laut gehört, besteht die Gefahr von Hörschäden.

- Menschen, die an Epilepsie leiden, sollten besser auf das Hören digitaler Drogen

  verzichten, da nicht bekannt ist, in wie weit dies epileptische Anfälle provozieren

  kann. Bei epileptischen Anfällen wird u.a. auch Hemisphärensynchronität beob-

  achtet!

- Binaurale Beats sollten nicht während des Autofahrens gehört werden, da die

  auftretenden Effekte nur unzureichend bekannt sind und die Geräusche vom

  Straßenverkehr ablenken können!

 

 

Safer Use:

- Treten Kopfschmerzen auf, solltest Du das Hören sofort abbrechen.

- Vermeide ein übermäßig lautes Hören (besonders hohe Frequenzen), um einen

  Tinnitus und andere Hörschäden zu vermeiden.

- Vermeide den Beikonsum oder gar Mischkonsum von psychoaktiven Substanzen:

  - Sollten stimulierende Frequenzen tatsächlich wirken, so sollte ein überdrehtes

    Gehirn nicht noch zusätzlich mit psychoaktiven Substanzen strapaziert werden.

  - Ketamin kann die Wahrnehmung bestimmter Frequenzbereiche stark dämpfen,

    so daß die effektive Lautstärke der binauralen Beats nicht mehr richtig einge-

    schätzt werden kann. Dies kann zu Hörschäden führen!

  - Die bisweilen sehr anstrengende Akustik könnte in Verbindung mit Halluzinoge-

    nen wie z.B. LSD, psychoaktiven Pilzen oder Mescalin zu einem unschönen "Hor-

    ror-Trip" mutieren.

- Personen, die an Epilepsie leiden, schon mal einen Schlaganfall hatten oder psy-

  chisch erkrankt sind, sollten auf das Hören von digitalen Drogen verzichten.

- Im Notfall den europaweit gültigen Notruf (Nummer: 112) anrufen. Schildere am

  Telefon nur die Symptome und kläre den Rettungsdienst oder Notarzt vor Ort über

  die konsumierten Substanzen auf. Sie unterliegen der Schweigepflicht!

  Informationen zur Ersten Hilfe bei Drogennotfällen findest Du hier.

 

 

Letzte Änderungen: 11.07.2016

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Artikel und Studien zu digitalen Drogen

 

Binaurale Beats (Wikipedia)

 

Hemisphärensynchronisation (Wikipedia)

 

I-Doser (Wikipedia)

 

 

Binaural Beats: I-Dosing: Drogen aus dem Kopfhörer (Tagesspiegel, 11.08. 2010)

Joint und Co. können einpacken: Die neue Generation Droge kommt aus dem Kopfhörer und nennt sich "I-Dosing". Aber kann das wirklich sein: Audiostücke, die beim Hörer die Wirkung von Crack, LSD oder gar Heroin simulieren?

 

MP3-Trend i-Dosing | Wirkt diese Musik wie eine Droge? (Bild, 28.07.2010)

Dass Musik wie eine Droge einen Rausch auslösen kann, kennt wohl jeder. Jetzt versetzen sich manche Jugendliche mit extremen elektronischen Klängen aus dem Netz gezielt in andere Bewusstseinszustände.

 

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